Roy Knocke

Roy Knocke ist wissenschaftlicher Mitarbeiter im Lepsiushaus Potsdam. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Sozialphilosophie, Politische Philosophie, »Genocide Studies«, (Kultur-)Geschichte der Gewalt.


CV


Roy Knocke M.A., studierte Philosophie und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Seit 2011 ist er wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lepsiushaus Potsdam und übt seit 2013 regelmäßige Lehraufträge am Institut für Jüdische Studien der Universität Potsdam aus. Seine Forschungsschwerpunkte sind: Sozialphilosophie, Politische Philosophie, Genozidstudien, (Kultur-)Geschichte der Gewalt.

 

Forschungsprojekt


Dissertation »Gebrochene Kollektive: Philosophie, Identität und Genozid« (Arbeitstitel)


Genozid ist seit dem 20. Jahrhundert weder als Möglichkeit in zukünftigen Konflikten noch als Gegenstand kollektiver Erinnerungsräume wegzudenken. Dass genozidale Gewalt auch im 21. Jahrhundert nicht der Vergangenheit angehört, zeigen nicht nur aktuelle Konflikte wie in Darfur, Myanmar oder der Zentralafrikanischen Republik. Auch das (Ge-)Denken an vergangene genozidale Ereignisse taugt immer wieder als politischer und kultureller Sprengstoff, wie die Leugnung des Völkermords an den Armeniern durch die türkische Politik exemplarisch vor Augen führt. Diese Erfahrungen führten, besonders im angelsächsischen akademischen Raum, zur Entwicklung des interdisziplinäres Feldes der »Genocide Studies«, in dem seit nunmehr drei Jahrzehnten Ursachen von Völkermord erforscht werden. Dabei dominieren historische und soziologische Ansätze, die in reduktiver Manier oder im Drang nach Definitionen einem »scientistic hunt for causation« (Neil L. Whitehead) folgen. Überwiegend werden politisch-instrumentelle, psychologisierende oder modernitätstheoretische Erklärungen angeboten, die dazu noch oft Modelle einer top-down Kausalität vertreten. Als könne genozidale Gewalt monokausal auf einen starken Staat als hostis populi, eine Böses-verursacht-Böses-Gleichung oder auf Realpolitik/Geopolitik während einer Nationenbildung reduziert werden.
Dagegen betonen gegenwärtige philosophische und soziologische Studien über Gewalt nicht nur den relationalen Erfahrungscharakter von Gewalt zwischen Subjekten, sondern verstehen Gewalt als ein Phänomen negativer Sozialität. Die »Negativität der Gewalterfahrung« (Burkhard Liebsch) wird nicht mehr in der Hoffnung ihrer Auflösung in Politiken einer gewaltfreien Vernunft verstanden, sondern als widerstreitendes, sinnkonstituierendes Moment konzeptualisiert. Inwiefern diese neueren Forschungen zum Verstehen von kollektiver und genozidaler Gewalt beitragen können, ist bisher ein Desiderat. In meiner Dissertation »Gebrochene Kollektive: Philosophie, Identität und Genozid« gehe ich diesem nach. Darin ist der Gedanke leitend: Das Genuine am Genozid ist die radikale Verletzung der kollektiven Identität einer Gruppe. Hierbei ist kollektive Identität als dynamischer, relationaler Prozess zwischen Selbst- und Fremdbildern und die Figur der Verletzung als vielfältig zu denken. Sie reicht von der Zerstörung ethisch-sozialer Relationen über die Brechung des Sinns leiblicher Verankerungen in der Welt bis hin zur kreativen Manipulation ganzer Erinnerungskulturen. Dabei ist eine genozidale Intention immer auf Totalität gerichtet. Sie zielt darauf, kollektive Identitäten im Blick der »Täter« essentialistisch einzuebnen. Eine solche prozessuale Begradigung von Identitäten wirkt nicht nur als moralische Rechtfertigung während der Bildung genozidaler Gesellschaften, sondern wirkt auch nach, wie z.B. die Phänomene Diaspora oder Genozidleugnung zeigen.
Damit betont dieser Ansatz, im Anschluss an die Idee einer negativistischen Sozialphilosophie, auch poietische und sozialtechnologische Momente kollektiver Gewalt. So bewegt sich ein solches Verstehen genozidaler Ereignisse eher in Semantiken der Transformation und nicht nur in Semantiken des Verlustes, die allzu oft mit dem Versprechen der Aufhebung alles Negativen einhergehen.

 

Publikationen


Herausgeberschaften


Knocke, Roy/Treß, Werner: Franz Werfel und der Genozid an den Armeniern, Europäisch-jüdische Studien Beiträge Bd. 22, Berlin: De Gruyter 2015.

 

 Artikel

  • Franz Werfel als Kulturkritiker. Individualismus, Kollektivismus und die moralisch-ästhetische Stellung des Dichters, In: Knocke, Roy/Treß, Werner: Franz Werfel und der Genozid an den Armeniern, Europäisch-jüdische Studien Beiträge Bd. 22, Berlin: De Gruyter 2015, S. 44-55.

 

Nieder mit den Andersgläubigen? Religion, Gewalt und der Genozid an den Armeniern, In: Hosfeld, Rolf/Schaede, Stephan: Der Genozid an den Armeniern, Loccum 2016, S. 225-240.